(Nicht) ganz ohne Nebenwirkungen: Zwei BILD-Reporter im Sonderzug Richtung Koma

Dass der hemmungslose Alkoholkonsum unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen teilweise dramatische Folgen für diese Zielgruppe hat, das ist hinlänglich bekannt. In den letzten Jahren hat sich das sogenannte Komasaufen scheinbar quer durch unsere Republik als neuer Freizeitsport etabliert und wer als Teenager nicht mitsäuft, der scheint irgendwie uncool zu sein.

Die deutsche Wikipedia schreibt dazu:

Nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes[1] und des Bundesministeriums für Gesundheit wurden in Deutschland immer mehr Kinder und Jugendliche mit der Diagnose „akute Alkoholintoxikation“ stationär im Krankenhaus behandelt.

Ergänzend dazu findet man im Wikipedia-Artikel noch folgende Tabelle:

Entwicklung der stationären Behandlungen wegen akutem Alkoholmissbrauchs

Die Statistik alleine ist schon erschreckend genug. In den letzten Jahren haben die Medien dieses Problem ausschöpfend behandelt und auch die BILD-Zeitung bzw. BILD.de hat immer wieder auf die gesundheitlichen Gefahren des übermäßigen Alkoholkonsums unter Kindern und Jugendlichen hingewiesen. Hier eine zwanglose Auswahl:

Mit Sauf-Spielen fängt es an, mit Gewalt-Exzessen endet es – immer mehr Jugendliche verfallen dem Alkohol.[2]

Komasaufen bei Teenies in Deutschland wird immer schlimmer![3]

Nachmittags aß er mit seiner Mama Geburtstagskuchen – abends trank er sich in die Klinik! (…) Die Jugendlichen tranken zu Hause um die Wette. Die Mutter saß im Wohnzimmer – und merkte nichts![4]

Sie können selber auf BILD.de unter dem Suchbegriff komasaufen weitere Beispiele finden. Auch Hinweise wie diese

Mit welchen Schäden müssen die jungen Leute rechnen?
Grundsätzlich leidet der gesamte Körper unter dem Alkoholmissbrauch. Zentral betroffen sind die Speiseröhre, die Leber und der Magen – ebenso entsteht ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen wie Bauchspeicheldrüsen- oder Brustkrebs.
Übrigens: Selbst wenn man sich „nur“ einmal bewusstlos getrunken hat, kann das schon schwer wiegende Gehirnschädigungen nach sich ziehen.[5]

findet man auf BILD.de.

Und sogar der oft gescholtene BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner wandte sich vor zwei Jahren in diesem Brief an die lieben (sich ins Koma saufenden) Kinder.

Es finden sich noch genügend Beispiele, die deutlich machen, dass Komasaufen keinesfalls als harmlose Mutprobe unter Teenagern anzusehen ist. Während BILD.de auf der einen Seite teilweise dramatisch über die schlimmen Folgen berichtet, findet man aber auch Beispiele, die das Ganze eher verharmlosen. So wird seit Jahren über die berühmt-berüchtigten Spring Breaks in den USA und auch hier in Europa berichtet. Dazu werden BILD-Reporter dienstverpflichtet und mischen sich voller (investigativem) Tatendrang unter das Partyvolk. So auch in dieser Woche, als sich ein Sonderzug mit einer Horde Teenager und junger Erwachsener ins kroatische Rovinj aufmachte.

Christi Himmelfahrt 2011. Um 4 Uhr morgens stehen BILD.de-Reporter Ingo Wohlfeil und BamS-Reporterin Karolin Schneider gut gelaunt auf dem Münchner Ostbahnhof vor einem Sonderzug mit 13 Waggons, der sie und 850 junge Menschen nach Kroatien zum Spring Break Europe 2011 bringen soll. Eine Kamera hält die ersten Eindrücke der beiden Journalisten für die Ewigkeit fest.


Screenshot: BILD.de (03.06.2011)

Gleich zu Anfang des Videos entwickelt sich folgender dramatischer Dialog:

Ingo Wohlfeil: “Wir haben Herrentag, es ist 4 Uhr in der Früh. Das ist der Partyzug, der uns gleich zum Spring Break nach Kroatien fahren wird und neben mir steht Karolin von der Bild am Sonntag. Es ist ihr erster Spring Break. Hast Du schon Angst?”

Karolin Schneider: “Ich hab’ total Angst! Also, was ich gehört hab’ aus den USA, wie krass das da abgeht. Dass Leute schwanger zurückkommen, sich an nichts erinnern können, vier Tage gefeiert haben und nichts mehr wissen. Also ich glaub’ ja, das wird der Trip meines Lebens.”

Das Ziel dieser Reise erklärt Ingo Wohlfeil für BILD.de in diesem Artikel mit wenigen Worten:

Vier Tage Suff, Sex und Sonne an der Küste Istriens, nach dem Vorbild der US-Studenten, die es in den Semesterferien zum Feiern an die Strände zieht.

Wie unschön sich diese Reise entwickelt, schildert Herr Wohlfeil so:

Wir [die Reporter] sind nicht die Ersten, die zusteigen. (…) Das sieht man den Abteilen durchaus an. Kein Zentimeter Boden, an dem unsere Schuhe nicht festkleben. Die Zugtoiletten sind schnell in einem erbarmungswürdigen Zustand. Es stinkt in die Abteile hinein! (…) die Droge der 18- bis 30-Jährigen ist eindeutig der Alkohol.

Der Teaser für den heutigen Sonntag sieht übrigens so aus:


Screenshot: Startseite BILD.de (05.06.2011)

Nun übernimmt Bams-Reporterin Karolin Schneider und schreibt unter der Überschrift “Der Exzess-Express” am heutigen Sonntag in diesem Artikel auf BILD.de:

Die Klos stinken bestialisch nach Urin, Erbrochenem und Schweiß.

Doch das ist ja noch längst nicht alles, was man auf dieser Reise erlebt. Denn neben dem hemmungslosen Sex, der offenbar auch auf den versifften Zugtoiletten stattfindet,

Sogar die Zugtoiletten dienen dem zwischenmenschlichen Zeitvertreib.
Zitat von Ingo Wohlfeil

darf natürlich der Alkohol nicht fehlen. Frau Schneider beschreibt die Exzesse im Partyzug so:

Claudias Hirn ist ausgeschaltet, die letzten sechs Wodka haben sie in ein neues Leben gespült. (…) Alle sind nur damit beschäftigt, sich möglichst schnell, möglichst viel Alkohol einzuflößen: Wodka, Gin, Weinbrand, abgefüllt in kleinen grünen Gießkannen, Trichtern und Kanistern. Mit Sprechgesängen wie „Wir ham viel mehr Alkohol als ihr, Alkohol als ihr, Alkohol als ihr“, feuern sie sich gegenseitig an.

Und wenn man schon so nah dran ist am Exzess Geschehen, dann muss natürlich auch das passende Gießkannen-Bild gemacht werden:


Screenshot: BILD.de (03.06.2011)

Mit keiner Silbe wird in den Reiseberichten von Herrn Wohlfeil und Frau Schneider auf die Gefahren hingewiesen, die diese exzessiven Sex- und Saufgelage mit sich bringen. Ich will den jungen Leuten auch nicht ihren Spaß verübeln, aber die Art und Weise der Berichterstattung vor dem Hintergrund der gesundheitlichen Schäden finde ich mehr als bedenklich. Ich weiß auch nicht, ob die beiden BILD-Reporter eigene Kinder haben und falls ja, ob sie es begrüßen würden, wenn ihre Kinder sich derartigen Exzessen hingeben würden. Wahrscheinlich waren alle 850 Zugreisende und die restlichen Partygäste vor Ort volljährig. Aber die Übergänge sind ja fließend und was ein 18- oder 19-jähriger Abiturient kann, das können 15- oder 16-jährige Teenager schon längst. Ein fader Beigeschmack bleibt immer.

Dieser Beitrag wurde unter BILD.de abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten auf (Nicht) ganz ohne Nebenwirkungen: Zwei BILD-Reporter im Sonderzug Richtung Koma

  1. def sagt:

    Hallo,

    ich finde solche “Reportagen”, aber auch fiktive Filme über feiernde Jugendliche grundsätzlich erschreckend, ob es nun um die Spring Break oder um Mallorca-Urlaube geht. Dabei wird ein Bild vermittelt, dass man sich betrinken und tanzen muss, um Spaß zu haben. Nachdem ich lange widerstanden habe, bin ich selbst irgendwann auch in Clubs gegangen, obwohl ich überhaupt keine Lust darauf hatte – eben weil mir seit meiner Kindheit vermittelt wird, dass solche Partys Spaß machen. Dabei habe ich mich nach spätestens 15 min zu Tode gelangweilt und für mich gelernt, dass ich doch eher Freund von Partys bin, auf denen man gepflegt miteinander sprechen kann. Wahrscheinlich hat mich allein die Tatsache, dass ich zu diesem Zeit schon 24 war und mir nichts mehr zu beweisen brauchte (ich hatte viele Freunde, und ob mich irgendwelche strunzdämlichen Prolls für cool halten, war mir egal), vor dem Besaufen gerettet.

  2. Peter sagt:

    Ich verstehe dieses ständige, kritische hinterfragen der BILD Artikel ja überhaupt nicht! Es müsste doch inzwischen jedem, der an der BILD herumkritelt, klar geworden sein, dass es die BILD Zeitung und ihre Macher sind, die tagtäglich aufs neue definieren, was moralisch, ethisch, sittlich ist. Und was nicht. Dabei geht es nicht im Wahrheitsgehalt und Genauigkeit, auch nicht um Nuancen und stilistische Schärfe, sondern um Lautstärke.

    Die BILD hat schon vor sehr langer Zeit den Anspruch auf die moralische, sittliche und ethische Leitkultur an sich gerissen, unterstützt vom heuchlerischen Betroffenheitsinfotainment der “freien” Sender.

    Hier jetzt stehen und ein betroffenes: “Ja aber” journalistisch abzuarbeiten, in dem man sich einzelne Artikel der BILD vorknöpft, ist zu kurz gegriffen und eher verzweifelt, als erhellend.

    Die BILD hat die Themenführerschaft. Nicht, weil sie gut ist, sondern weil sie laut ist, der Zeiger ist stets im roten Feld, der Sound kracht und klingt nach Gröhlerei; weder BILD noch ihre Leser interessieren sich für den mauen Pimperljournalismus, der um Präzision und Objektivität bemüht ist.

    Liebe Grüße aus Wien,
    Peter

  3. Ron sagt:

    Hallo Ralf,

    bitte nicht auf Peter hören, weitermachen!

    @Peter: Nur weil Sch***e sich als Institution etabliert hat, muss man ja nicht gleich aufgeben, so wie Du vorschlägst. Natürlich kann und darf und soll man die Bild kritisieren, eben gerade weil sie ein solch großes Gewicht in der deutschen Meinungslandschaft besitzt. Vielfältige Gründe und Fallbeispiele findest Du auch auf

    http://www.bildblog.de

    Viel Spaß beim Lesen und Aufregen ;-)

    Gruß Ron

  4. Tim sagt:

    Aha. “Komasaufen” ist eine traurige Praxis, die bei Kindern und Jugendlichen erhebliche Schäden anrichtet – so steht’s im Wikipedia-Artikel, die Verweise auf Studien etc. sind erschreckend. Ich frage mich nur, was das mit dem Bericht über diesen mediokren Party-Zug zu tun hat. Die Menschen, die hier zu Wort kommen, sind – willkürliche Auswahl – 18, 30 27 Jahre alt – und damit erwachsen genug, um a) zu wissen, was sie tun und was nicht, und b) nicht mehr als die eingangs beschriebenen Kinder und Jugendliche zu gelten.

    Solche Art der wohlmeinenden “Medienkritik” ist dümmlich, moralinsauer und verfehlt. Was Ralf mit seinem Artikelchen hier tut, ist nichts anderes als die Bewirtschaftung von Empörung – und nix anderes tut die hier kritisierte BILD. Wenn auch etwas kenntnisreicher.

  5. Ralf Marder sagt:

    @Tim

    Ich habe auch nicht behauptet, dass die Zugreisenden minderjährig waren. Ich behaupte aber, dass ein Großteil der jungen Erwachsenen nicht erst auf dieser Reise nach Kroatien zum ersten Mal exzessive Bekanntschaft mit dem Alkohol gemacht hat. Der Einstieg in diese Gesellschaftsdroge beginnt doch heutzutage wesentlich früher. Und da liegt doch das eigentliche Problem. Hochprozentiger Alkohol ist trotz gesetzgeberischer Maßnahmen immer noch viel zu leicht für Minderjährige erhältlich. Nicht jede/r Kioskbesitzer/in, Tankstellenverkäufer/in oder Supermarktkassierer/in kontrolliert das Alter des Wodkakäufers. Und da Alkohol wohl meistens in der Clique konsumiert wird, wird sich auch stets ein 18-Jähriger finden, der im Auftrag seiner Kumpels den “Stoff” für das nächste Saufgelage legal besorgt. Aus meiner eigenen Erfahrung als Mitarbeiter in einem Kinder- und Jugendzentrum sind mir diese Dinge nicht fremd. Und ja, die jungen Leute von heute sollen und dürfen auch feiern und auch mal die Sau rauslassen. Das haben ihre Eltern und Großeltern wohl auch getan. Ein Spring Break hat seine Daseinsberechtigung, genau wie das Frühlingsfest der Volksmusik, der ev. Kirchentag und das Oktoberfest. Aber wie bei vielen Genüssen ist die Dosis entscheidend. Ich hätte mich auch nicht zu meinem Artikel hinreißen lassen, wenn die beiden mitgereisten BILD-Reporter nicht so unkritisch von ihrer Reise im “Sonderzug Richtung Koma” berichtet hätten.

    Erst heute zieht BILD-Reporter Ingo Wohlfeil in seinem Artikel ein Resümee vom Spring Break Europe 2011. Darin heißt es:

    Die meisten der über 10 000 Heimkehrer werden mit glänzenden Augen von ihren Balkan-Abenteuern berichten, von alkoholisierten Heldentaten: (…) Sie werden vom ersten Mal Trichtersaufen schwärmen! (…) Wir haben in unserer Zeit beim Spring Break Jungs getroffen, die zu keiner Zeit nüchtern waren. Drei Tage weg von Mutti – drei Tage Suff.

    Ganz unten wird dann im Kleingedruckten ein halbherziger Versuch gestartet, dem orgiastischem Treiben auch etwas Negatives abzugewinnen:

    Die harten Jungs [der Security] sollten für die betrunkenen Kids eher Vaterfigur sein, als mit überzogener Härte und Aggressivität zu reagieren. (…) Zu viele Suffköppe und zu wenig Wesen, die die Jungs vom Vollrausch abhalten.

    Wenn Herr Wohlfeil über “die betrunkenen Kids” schreibt, dann meint er sicherlich keine 25-jährigen Erwachsenen. Wie viele der 10.000 Springbreaker am Ende vollgekotzt und bewusstlos ein Fall für die Sanitäter wurden, darüber wird nicht berichtet. Aber vielleicht irre ich mich ja und alle Party-Gäste haben rechtzeitig ihre Grenzen erkannt und sind nach dem sechsten Wodka auf Mineralwasser umgestiegen.

    Mit Deiner Kritik an meinem dümmlichen Artikel kann ich gut leben. Das Gute an der ganzen Sache ist, dass ich in meinem Blog schreiben kann, wie mir der Schnabel gewachsen ist und ich keine Rücksicht auf Deine Sichtweise der Dinge nehmen muss.

  6. Alex sagt:

    Hallo zusammen!
    Vielleicht versteh ich hier in der Diskussion ja auch was falsch. Ich habe die Kritik an der Bild-Berichterstattung deshalb als sinnvoll erachtet, weil es meines Wissens noch keine Alterssperre beim Aufruf des Artikels gibt.
    Will heißen: Wie viele Jugendliche/Minderjährige/Kids oder wie auch immer lesen den Artikel, weil sie in der Schule gehört haben, dass der Spring Break total toll ist und sich über BILD-Bildergalerie etc einen Eindruck davon verschaffen wollen?
    Gerade das sind doch dann die entscheidenden Konsumenten. Und genau denen sollten die Gefahren in dem Artikel klar gemacht werden. Dass man (zumal ex post) an der Situation der (sicherlich volljährigen) jungen Menschen beim Spring Break nichts ändern kann, ist doch logisch.

    Der Konsument der Berichterstattung ist nunmal der Leser und wenn ich mir da solche Artikel durchlese, habe ich schon manchmal den Wunsch, eine Ü18-Button zu programmieren, der die noch “unkritischen” Leser am ungefilterten Konsum hindert…

    Gruß, Alex

  7. Pingback: Kotzen und Trinkspielchen inklusive! Der Sonderzug Richtung Koma rollt wieder! | Mediensalat